5
Sep
2006

Plötzlich war alles anders...

Am 11. September 2001 war ich dabei, meine Klamotten für den Herbst durchzusehen. Weil ich nur eine kleine (meine erste eigene) Wohnung hatte, hatte ich einen Teil der Sachen über den Sommer bei meinen Eltern gelagert. Ein bestimmter Pulli fehlte in meiner Kollektion und ich fuhr mit dem Rad zu meinen Eltern, um ihn abzuholen.
Als ich bei meinen Eltern ankam, waren beide auf der Arbeit, nur mein vier Jahre jüngerer Bruder Johannes war da und hat ferngesehen. Ich bin auf den Dachboden gegangen und hab meinen Pulli rausgesucht und dabei gleich auch noch ein paar Schuhe und eine Bluse eingepackt. Dann bin ich wieder nach unten ins Wohnzimmer gegangen, wo Johannes wie gebannt vor dem Fernseher gesessen hat.
"Mensch, Eva," hat er gesagt, "da in Amerika ist was passiert. Ein Unfall - oder so..."
Ich erinnere mich nicht mehr genau, aber ich glaub, das war der Moment, als das zweite Flugzeug in den Turm geflogen ist.
Ich hab plötzlich auch auf den Bildschirm gesehen, meine Tasche mit dem Pulli ist auf den Boden gefallen ohne dass ich das realisiert hab. Ich hatte auf einmal Angst und hab angefangen zu zittern, ob ich geschrieen hab weiß ich nicht mehr, aber mir war plötzlich klar, dass es kein Unfall war. Johannes hat wie erstarrt vor dem Bildschirm gesessen. Unsere Eltern waren immer noch auf der Arbeit und ich wusste, dass sie nicht zu erreichen waren.
(Später hat meine Mutter gesagt, ihre Chefin hätte in aller Ruhe ihre Konferenz abgehalten und anschließend gesagt: in Amerika wurden vorhin mehrere Terroranschläge verübt.)
Ich hab meine Tasche gepackt und bin wie eine Verrückte nach Hause geradelt. Da hab ich mein Adressbuch rausgekramt und die Nummer von meinem alten Lehrer gewählt. Ich war so verdammt froh, als ich endlich die Stimme von einem "Erwachsenen" gehört hab. Ich hab ihn gefragt, was wir tun sollen. Er wusste es auch nicht. Das war das erste Mal, dass ich ihn ratlos erlebt hab. Schließlich hat er gesagt: "Ein Vorrat von Essen kann vielleicht nicht schaden."
Da ist mir erst richtig klar geworden, dass es eine wirklich ernste Lage ist, denn mein Lehrer ist normalerweise kein Paniker und auch kein Traumtänzer. Ich bin also in die Küche gegangen und hab im alten Kochbuch unter "Aktion Eichhörnchen" nachgeschlagen. Das Buch war noch von meiner Oma aus der Zeit vom kalten Krieg und darin stand, was in einen Notvorrat gehört. Ich hatte mir das schon oft durchgelesen, aber nie gedacht, dass ich es mal brauchen könnte. Anschließend hab ich das Geld aus der Dose genommen und bin zum Supermarkt gefahren. Im Supermarkt hatte ich schon wieder vergessen, was im Kochbuch gestanden hat, also hab ich gekauft, was mir logisch erschienen ist: Konserven mit Obst, Gemüse und Fleisch, Mehl, Hühnerbrühe und Kamillentee falls jemand krank wird, Zucker, Frühstücksflocken und H-Milch.
Zu Hause hab ich dann die Vorräte im Schrank eingeräumt und hab dann das Radio eingeschaltet. Weil ich nicht wusste, was ich sonst noch tun sollte, hab ich weiter aufgeräumt, während ich Radio gehört hab.
Am nächsten Morgen auf der Arbeit hat keiner was gesagt, aber die Angst war da und so dick, dass man sie fast mit Händen greifen konnte.
Abends war in der Kirche eine Andacht, zu der ich hingegangen bin. Wir haben uns alle vor dem Altar versammelt, statt wie sonst im Kirchenschiff. Unsere Pastorin hat gebetet, anschließend haben wir gesungen "Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf..." Wir hatten alle irgendwie Angst und ein paar haben auch geweint.
Ich hab tagelang später noch alle Ereignisse in meinem Tagebuch notiert. Langsam hat sich die Lage in unserem Dorf dann wieder einigermaßen beruhigt. Johannes hat irgendwann ganz trocken gesagt: "Wir wohnen am sichersten Platz der Welt, in diesem kleinen unwichtigen Dorf wird kein Terrorist je einen Anschlag verüben!" Das hat mir eingeleuchtet, bei uns in der ganzen Gegend gibt es auch nicht ein einziges lohnendes Ziel, wahrscheinlich wissen die Terroristen überhaupt nicht, dass es unser Dorf gibt.
Inzwischen haben wir uns irgendwie mit dem Terror arrangiert. Wenn der Terror kommt, dann kommt er, wir können dann sowieso nichts machen. Und bis dahin leben wir eben weiter, falls wir tatsächlich nur noch einen kleinen Rest haben, dann soll es ein schöner Rest werden. Wenn nichts passiert ist es noch besser. Nur neulich, als der Hamburger Bahnhof gesperrt war, hatte ich wieder schreckliche Angst, denn in Hamburg wohnen Freunde von mir und einer von ihnen muss mit der Bahn zur Ausbildung.

Eva
Eva (Gast) - 5. Sep, 23:59

Nachtrag

Gerade erinnere ich mich an noch etwas: ich hatte damals alte Barbiepuppen gesammelt und am 10. September, einen Tag vor den Anschlägen, hatte ich eine sehr hübsche 80er Jahre Barbie bei e-bay gekauft. Sie kam ein paar Tage nach den Anschlägen an, als alle noch ziemlich in Aufruhr waren und Angst vor Krieg hatten.
Ich hab diese Puppe als "Friedensmädchen" angezogen, in Hippie-Kleidern, wie sie meine Tanten damals in der Friedensbewegung anhatten, und habe sie "Friedericia Pacifique" genannt, Friedericia als Ableitung von "Frieden" und Pacifique als Ableitung von "Pace" oder auch "Pazifistin".
Die meisten Barbies aus meiner Sammlung hab ich inzwischen nicht mehr, aber Friedericia Pacifique gibts noch, sie sitzt noch immer in ihren Hippie-Kleidern bei mir in meinem Regal.

Eva

Adam (Gast) - 19. Mai, 15:31

Traumtänzer und Gendarm

Also mal bitte ehrlich, entweder hat man dich wie Sidarta mit einer Mauer umzäunt und gesagt sieh nicht dahinter... oder die sauerstoffzufuhr zu deinem Gehirn wurde beim Betrachten der ach so schockierenden bilder am 9/11 unterbrochen..... Barbiepuppen und Bahnhofsabsperrungen lassen deine Welt ins Chaos stürzen... oh man, sag mal wo lebst du eigentlich???
Uschi (Gast) - 11. Sep, 10:54

Hallöchen!

Ich tanze Gogo
Kim Gibbler (Gast) - 11. Sep, 10:57

peace muschi

Hallöchen...Ich tanze auch gogo und danach mach ich sex mit den männern!Viel spaß noch...eure gibbler
9/11

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